Gutachter sind auch nur Menschen

Eigentlich wollte ich heute über etwas ganz anderes schreiben, aber die mir widerfahrene Gutachtergeschichte muss ich einfach mit dir teilen. Besonders, nachdem ich die Tage malwieder auf Facebook einen Seitenhieb auf unsere Branche von Seiten eines Gutachters gelesen habe.

Zu besichtigen war ein Bungalow mit Einliegerwohnung, erbaut wurde er Anfang der 70er Jahre.

Ich mag das Haus sehr, es hat einen tollen, individuellen Grundriss, der zwar hier und da etwas zu speziell ist, aber dem richtigen Eigentümer sicher viel Freude bereitet. Dazu ist das Haus sehr hell und das Wohnzimmer mit seinen riesigen Fensterelementen ein Traum.

Der Haken aus verkäuferischer Sicht an der Immobilie? Es gibt eine Elektro-Fußbodenheizung und jedes mit Strom betriebene Heizsystem wird heutzutage verteufelt, egal, ob die Heizkosten in einer normalen Höhe liegen oder nicht. Ansonsten ist das Haus damals sehr hochwertig gebaut worden und damit auch heute noch gut in Schuss.

Zweittermin mit Gutachter

Nun kam der werte Herr Gutachter zum Zweittermin mit den Interessenten. Gutachter und Interessenten kennen sich privat, was meine Maklerworte damit komplett irrelevant werden lässt.

Aus dem riesigen Koffer zieht der Herr erst einmal seine Spiegelreflexkamera heraus und beginnt jeden Zentimeter des Hauses zu fotografieren. Ich muss innerlich bereits etwas lachen, schließlich geht es hier nicht um ein gerichtliches Gutachten, das angefertigt werden soll, sondern lediglich eine Käuferberatung. Aber soll er mal machen …

Feuchtigkeitsmesser sind ein schönes Spielzeug

Endlich drinnen angekommen, wird auch direkt der Feuchtigkeitsmesser gezückt, was sich später herausstellt, sein liebstes Werkzeug ist. Wir marschieren zu erst in die vermietete Einliegerwohnung. Das Schlafzimmer hier ist der einzige Raum, der mir immer etwas Sorge bereitet – die Mieterin steht nicht so auf Stoßlüften und Heizen in dem Raum, weswegen sich an einer Wand irgendwann einmal etwas Feuchtigkeit niedergeschlagen hatte und zu einem Fleck führte. Sofort fängt Herr Gutachter in dem Raum an zu messen, alle Wände werden mit sorgenvoller Miene betrachtet und sofort der Feuchtigkeitsmesser dran gehalten, naja außer – ja genau, die Wand, an der der Fleck ist. (der im Übrigen auch mittlerweile wieder trocken ist, aber das konnte der Herr Gutachter ja gar nicht feststellen)

70er Jahre Isolierverglasung mit Edelgasfüllung, guter Scherz

Auf unserem Weg zurück zur Eigentümerwohnung klopft er gegen die große Wohnzimmerverglasung, dreht sich zu seinen Kunden um und fragt:“ Hab ich euch bereits erklärt, was man an diesem Klopfen erkennen kann?“ Kopfschütteln. „Wenn hier noch Gas drinnen wäre, dann würde sich das Geräusch viel dumpfer anhören. Hier ist das Gas aber bereits entwichen!“ Sein Kennerblick, den er aufsetzt, ist fantastisch. Ich denke mir nur:“ Ach du heilige Scheiße, dass hat der Typ nicht gerade gesagt!!!!“ Ich wiederhole mich, das Haus ist Anfang der 70er Jahre erbaut, aus der Zeit stammen auch die Fenster. Eine Edelgasfüllung bei Isolierverglasungen aus der Zeit???? Nicht sein verdammter Ernst. Diese Fenster kennen das Wort Edelgasfüllung nicht einmal.

Wasser und Dusche, zwei Dinge, die definitiv nicht zusammen gehören

Wenig später stehen wir im Kellerbad. Warum auch immer, aber die Eigentümer haben hier keinen Duschvorhang an der Dusche. Dass das Bad jedoch regelmäßig genutzt wird, kann man leicht an dem Duschgelfleck auf der weißen Duschtasse erkennen, für den sich die Verkäuferin in dem Moment etwas schämt. Der Feuchtigkeitsmesser wird gezückt und der Boden durchgemessen. Lautes und schrilles Piepen ertönt rund um die Dusche, der Rest des Bades ist furztrocken. „Hier ist es richtig nass.“ Stellt er fest. Ich hebe die Augenbraue und deute mit meinem Blick auf die nur 10 cm hinter seiner Messstelle liegende Dusche, wie gesagt OHNE Duschvorhang. Er folgt meinem Blick und haut tatsächlich raus:“ Also den genauen Grund dafür kann man natürlich nur herausfinden, wenn man den Boden öffnet, aber es könnte auch von dem fehlenden Duschvorhang kommen.“ Meine gedankliche Anmerkung:“ Ach, neeee, wie kommste denn darauf?“. Er wendet sich an den Verkäufer:“ Wird diese Dusche regelmäßig genutzt?“ Ich liebe den Humor meines Verkäufers, der einfach trocken darauf antwortet:“ Dafür ist sie doch da, oder stinken wir?“

Neue Erkenntnis: Fensterlaibungen sind Wärmebrücken

Im restlichen Keller kann der Herr Gutachter dann auch zum Verrecken nichts spannendes mehr finden. Dafür wird im Obergeschoss jede Fensterlaibung durchgemessen und oh Wunder, sein schlaues Gerät piept jedes Mal. Fensterlaibung=Wärmebrücke=leichte Feuchtigkeit im Winter … hmm lass mich überlegen, hört sich bei dem Baujahr auch nicht so ungewöhnlich an. Trotzdem vollzieht er diese Messung an JEDEM Fenster. Schimmel ist dort keiner, die Tapete klebt einwandfrei, wie am ersten Tag, aber man kann ja trotzdem darauf hinweisen, dass es dort Wärmebrücken gibt.

Termin überlebt

Nach mehr als einer Stunde ist Herr Gutachter fertig. Zum Abschluss macht er noch Witze, dass die Häuser aus den 70ern ja im Gegensatz zu den Häusern aus den 50ern noch zu gut seien, um sie abzureißen, aber eigentlich trotzdem nicht gut genug für den modernen Standard. Hören so Verkäufer natürlich besonders gerne, dass ihr Haus eigentlich gut erhaltener Schrott ist.

Es geht auch anders

4 Tage später … der nächste Interessent hat seinen Gutachtertermin. Der Herr ist nach zwanzig Minuten durch. O-Ton:“ Ganz ehrlich, das Haus funktioniert in seiner Art seit über 40 Jahren. Warum sollte man an einem bestehenden, funktionstüchtigen System etwas ändern. Die Fenster sind dicht, der Keller trocken – das Haus grundsolide.“

Rate einmal, wer am Ende das Haus gekauft hat.

Also Augen auf beim Gutachtertermin. Auch die Aussagen eines Gutachters kann man hinterfragen und relativieren, wenn von Nöten.

Ich hatte bei dem Haus im Übrigen insgesamt fünf Gutachter da, von denen vier fantastisch waren. Diese haben ehrlich aufgeklärt, ohne dabei die typischen „Mängel“ aus den Baujahren aufzubauschen und gaben den Kaufinteressenten einfach etwas Sicherheit bei der Entscheidungsfindung.

 

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