Historisches Stadtzentrum von Dresden

Wiederaufbau vs. Abriss – Behalte ich das „Alte“ um jeden Preis oder mache ich Platz für das „Neue“?

Eine Frage, die sich durch das ganze Leben zieht und besonders im Bereich Denkmalschutz wohl zu regen Diskussionen führt. Bereits während des Architekturstudiums debattierten wir leidenschaftlich über den Wiederaufbau des Berliner Schlosses und der Dresdner Frauenkirche. Waren das die richtigen Ansätze? Ist es richtig, zerstörte Bausubstanz wieder 1:1 herzurichten? Oder sollte man Zerstörtes zerstört lassen und anstelle dessen ein Gebäude dorthin bauen, das dem aktuellen Zeitgeist entspricht?

Was diese Frage wohl so schwierig macht, ist die Tatsache, dass zum einen Geschmäcker verschieden sind und zum anderen, dass dies vor allem eine sehr persönliche Charakterfrage ist. Die einen reparieren ihr Leben lang alles, können sich von nichts trennen, bewahren alles auf und trauern dem Alten hinterher, die anderen schmeißen weg, wenn etwas nicht mehr geht, sind nach vorne gewannt und freuen sich über jeden neuen Impuls in ihrem Leben.

Das Beispiel der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Bei meinem Berlinbesuch im Juni wurde ich ganz plötzlich genau auf dieses Thema wieder gestoßen. Reisen laufen bei mir immer recht spontan ab. Ich lese nie vorher Städteführer oder suche die Geheimtipps der Stadt. Eigentlich suche ich mir nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt heraus und lasse mich dann von dem Puls dieses Ortes mittreiben.

Und so stand ich am dritten Tag meines Aufenthaltes plötzlich im alten Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Schaute mir die alten Mosaike an, die Einschusslöcher im Mauerwerk und war schon wieder dabei weiterzuziehen, als mein Freund fragte, ob wir nicht auch in den Neubau gehen wollen. Dieser sah von außen so unspektakulär aus, dass ich ihn völlig außer Acht gelassen hatte. „Typische Nachkriegsarchitektur aus Beton“ , dachte ich. Aber gut, da wir hier waren, warum nicht auch in diesen gehen.

Neu- und Altbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin

Nach wenigen Schritten verschlug es mir dann den Atem. Der ganze Innenraum leuchtete blau. Obwohl es draußen sehr duster war, der Juni wusste nicht so recht, dass er als Sommermonat gezählt wird und zeigte uns schönstes Nieselwetter, fiel das Licht strahlend durch die blauen Glassteine. Eine unglaubliche Atmosphäre (hier gibt es Bilder). Wir setzten uns in eine der Stuhlreihen und ließen diese besondere Stimmung für einige Minute auf uns wirken. Die anderen Touristen liefen rein und raus an uns vorbei und wir saßen dort und waren einfach geflasht.

Wer nun die Geschichte dieser Kirche kennt, weiß, dass sie in dieser Gebäudekonstellation beinahe nicht zustande gekommen wäre. Das heutige Erscheinungsbild ist ein Kompromiss zwischen den beiden am Anfang des Textes genannten Sichtweisen (da ich in diesem Blogbeitrag nicht genauer auf dieses Gebäude eingehen möchte, hier der Link zu einem spannenden Artikel). Und somit ist sie in gewisser Weise ein Sinnbild für die Zerrissenheit der zwei Parteien im Denkmalschutz.

Meine Meinung?

Ich bin oft selber hin und her gerissen. Eine Dresdner Frauenkirche ist so wunderschön und prägt das Stadtbild so enorm, dass ich mir Dresden ohne diesen Bau nicht vorstellen mag. Und doch frage ich mich manchmal, wie eben an dieser Stelle eine moderne Interpretation der Frauenkirche ausgesehen hätte. Denn ich erinnere mich daran, als sei es gestern, dass ich in einem Café vor der Frauenkirche saß, Mittag aß und mich wie in einer Pappkulisse aus dem Phantasieland (Freizeitpark) fühlte. Es sah alles so perfekt aus, alles so stimmig, dass es wunderschön war und mich trotzdem tief im Inneren zutiefst verstörte.

Ich liebe den Kontrast zwischen neu und alt, ich liebe diese Spannung, die entsteht, wenn neben der stuckverzierten Fassade ein hochmoderner Glaskörper steht, ich liebe es, wenn die aktuelle Gebäudeerweiterung klar abzulesen ist und damit der alten Bausubstanz mehr Raum zum Strahlen gibt.

Denn Denkmalschutz soll den nachfolgenden Generationen die Geschichte der vorangegangenen konservieren, erhalten und nahebringen. Dies geht aber nur dann, wenn an der einen oder anderen Stelle auch Platz für die Geschichte der aktuellen Generation geschaffen wird. Geschichte und auch Baugeschichte ist nun einmal nicht etwas, was auf nur einen Zeitraum beschränkt ist, sondern ist ein fortlaufender Prozess.

Also lasst uns erhalten, was erhaltenswert ist, lasst uns pfleglich mit den aktuellen Denkmäler umgehen, aber lasst auch abreißen, was bereits zerstört ist und lasst damit Platz schaffen für die historischen Bauten der Zukunft.

Historisches Stadtzentrum von Dresden

Platz an der Frauenkirche in Dresden

Historisches Stadtzentrum von Dresden

Frauenkirche in Dresden

Historisches Stadtzentrum von Dresden

Frauenkirche in Dresden

Jüdisches Museum Berlin

Jüdisches Museum Berlin

moderner Neubau steht neben historischen Altbau

Gebäudeessemble im Stadtzentrum von Leipzig mit „bedruckter Fassade“

Klassische Architektur trifft auf moderne Kubusarchitektur

Altes Wohnhaus mit moderner Erweiterung

Was ist deine Meinung dazu? Bist du ein Vertreter des Wiederaufbaus und wenn ja warum? Oder magst du auch den Kontrast von Neubau und Altbau? Ich bin gespannt auf deine Meinung!

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